Begriffserklärung
Definition Crop Steering allgemein
Crop Steering ist eigentlich alles, was der Grower macht, um das Wachstum der Pflanze zu beeinflussen. Der Begriff ist jedoch mittlerweile stark mit kontrollierte Bewässerung und Substrat-EC vermarktet.
Mit der Technik steuern wir den Turgordruck (Zellinnendruck) der Pflanze über Wasser (RDI) und Salzkonzentration (EC). Als grobe visuelle Orientierung dient das Blattverhalten: Bei hohem Turgor stehen die Blätter eher aufrecht ("praying"), bei niedrigem Turgor hängen sie schlaff herunter.
Alle Zahlen, Werte und Techniken, die noch besprochen werden, drehen sich grundsätzlich um die Beeinflussung des Zellinnendruck.
Geschichte der Entwicklung
Ursprung in kommerziellem Gemüse-Hydroponik-Anbau
Die ersten Versuche zum Crop Steering wurden in den 90er-Jahren in niederländischen Gewächshäusern mit Gurken und Tomaten gestartet. Die Ergebnisse waren vielversprechend und wurden schnell wissenschaftlich begleitet. Durch gute Ernteerfolge hat sich das System in den Gewächshäusern in Europa verbreitet. Seit 2010 wurde zusätzlich mit Substratsensoren gemessen, um die Steuerung zu optimieren und Arbeitskraft zu reduzieren.
Übertragung auf Cannabis
Nach der Legalisierung in den USA hat ein Sensorhersteller die Marktlücke für Cannabis identifiziert und die Firma AROYA gegründet. Die Vermarktung begann 2019 und hat das heutige Crop Steering für Cannabis geprägt.
Das P-Phasen-Modell
P0/P1/P2/P3 als gemeinsame Terminologie
Um über Crop Steering zu sprechen, hat sich in der Branche ein grobes Phasenmodell etabliert, das den Bewässerungstag in vier Abschnitte einteilt: eine morgendliche Trockenphase (P0), eine Aufsättigungsphase (Ramp-up) nach dem ersten Gießen (P1), eine Haupt-Steuerungsphase (Maintenance) über den Tag (P2) und eine abschließende Phase vor Lichtende, die den nächtlichen Dryback einleitet (P3).
Substratabhängigkeit
Steinwolle und Kokos sind die beiden mit Abstand am häufigsten verwendeten Substrate für Crop Steering – beide erlauben präzise, gut messbare Wasser- und EC-Steuerung und sind damit für diese Technik besonders gut geeignet. Trotzdem unterscheidet sich der Umgang mit den Substraten, und Messwerte können nicht direkt miteinander verglichen werden.
Messtechnik und Datenerfassung
Substratsensoren vs. manuelle Methoden
Sensoren wie TEROS (AROYA) oder GroSens (Grodan) messen Wassergehalt und EC im Substrat kontinuierlich und automatisch – das liefert die Datengrundlage für sensorgetriebene Ansätze. Die manuelle Alternative (Wiegen der Blöcke, Runoff mit dem Becher auffangen) ist günstiger und ohne Hardware-Investition möglich, liefert aber nur Stichproben statt kontinuierlicher Kurven und ist entsprechend aufwendiger. Der wichtigste Messpunkt bei beiden Methoden ist der Drain, dessen EC-Gehalt und Menge ausreichend Rückschlüsse für eine Steuerung liefern.
Anwendung im Grow-Zyklus
Grundsätzlich werden über den Grow zwei verschiedene Bewässerungsstrategien angewendet.
Vegetative Bewässerung: niedriger Dryback und niedrige EC. Die Pflanze soll die Energie in das Wachstum stecken. Blätter sollten sich in der Praying-Position befinden.
Generative Bewässerung: hoher Dryback und hohe EC. Die Pflanze muss Energie aufwenden, um den Turgordruck aufrechtzuerhalten. Streckung wird heruntergeschraubt, Stresshormone werden freigesetzt und die Fortpflanzung/Blüte priorisiert.
Die Grenzen zwischen den Strategien sind fließend und stehen nicht fest – es ist eher "mehr generativ" oder "mehr vegetativ". AROYA hat dafür 2024 eine Skala von stark vegetativ ("1") bis stark generativ ("10") eingeführt.
Im AROYA-Modell (oder bei Athena) bewässern wir bis zur Blüte vegetativ. Blütewoche 1–3: generativ (Höhenkontrolle, Blütenansätze). BW 4–6: vegetativ (Bulking). Ab BW 7 wieder generativ (Abreifen). Andere Systemhersteller wie z. B. Pulse weichen hier teilweise ab.
Wie belastbar ist die Evidenz eigentlich?
Wissenschaftlich ist Crop Steering bei Tomaten gut untersucht – dort existiert jahrzehntelange, peer-reviewte Forschung aus dem niederländischen Gewächshausanbau. Bei Cannabis sieht die Datenlage deutlich dünner aus. Interessant dabei: Die Wirkprinzipien, die heute als "Crop Steering" vermarktet werden, kursierten schon in den 2000ern als Bro-Science in Grower-Foren – lange bevor es dafür einen griffigen Namen oder saubere Studien gab.
In kommerziellen Industrieanlagen scheint sich die Technik trotzdem als Standard etabliert zu haben. Die Vorteile liegen dort weniger in "besseren" Pflanzen als in Effizienz: weniger Nährlösungsverbrauch und bessere Kontrolle über die Pflanzenentwicklung – beides Faktoren, die bei großem Maßstab und knappen Margen deutlich stärker ins Gewicht fallen als im Hobby-Bereich.
Meine persönliche Einschätzung
Ich stehe selbst noch am Anfang und habe bisher nicht genug eigene Praxiserfahrung, um das abschließend zu beurteilen. Meine Vermutung ist aber: Am Ende werden die Pflanzen dadurch nicht zwingend besser als auf anderen Systemen, die von einem guten Gärtner betreut werden. Crop Steering ist kein Wundermittel, sondern einfach ein weiteres System unter vielen – man kann es nutzen oder auch lassen, guter Gartenbau bleibt am Ende entscheidender als das gewählte Framework. Wer es dennoch ausprobieren möchte, wird mit einem hohen technischen Anspruch konfrontiert.
Quellen zum Thema:
CCI Blackbook (Free Version)
Grodan
Aroya
Athena

